Skip to main content
Free Access

Fachgruppe Gesundheitspsychologie. Open Science und gute wissenschaftliche Praxis in der gesundheitspsychologischen Lehre

Published Onlinehttps://doi.org/10.1026/0033-3042/a000568

Fachgruppe Gesundheitspsychologie

Open Science und gute wissenschaftliche Praxis in der gesundheitspsychologischen Lehre

Die Leitung der Fachgruppe Gesundheitspsychologie unterstützt die Forderung, bereits im Studium die Relevanz von transparenter und offener Forschung und der Replizierbarkeit von Forschungsergebnissen zu vermitteln, sowie Lehrinhalte stets vor dem Hintergrund neuester Forschungsergebnisse zu ergänzen. Die Gesundheitspsychologie trägt als angewandtes Fach mit potentiellen Konsequenzen für Versorgung und öffentliche Gesundheit eine besondere Verantwortung zur Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen und frühzeitigen Qualitätssicherung.

Open Science und Transparenz sind prominente Themen in der Gesundheitspsychologie, wie nicht zuletzt durch das Positionspapier zu offener und transparenter gesundheitspsychologischer Forschung sichtbar wird, das im Rahmen des Synergy Expertentreffens im Vorfeld der Konferenz der European Health Psychology Society 2018 entstand (Kwasnicka et al., 2020). Zu erwähnen ist auch die Special Interest Group ‚Open Science‘ der European Health Psychology Society. Weitere Beispiele für die Umsetzung von offenen und transparenten Forschungspraktiken in der Gesundheitspsychologie sind die (Prä)‌registrierung von (Interventions)‌studien (z. B. clinicaltrials.gov) und von systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen (z. B. PROSPERO), die systematische und nachvollziehbare Bewertung von Evidenz (z. B. GRADE, Guyatt et al., 2011), Berichtsstandards für klinische Studien und Metaanalysen (z. B. CONSORT und PRISMA) oder der standardmäßige Einbezug von Ethikkommissionen bereits in der Planungsphase von Studien.

Die Fachgruppenleitung unterstützt mit Nachdruck die Forderung, dass diese Gepflogenheiten gesundheitspsychologischer Forschung auch integraler Bestandsteil in der gesundheitspsychologischen Lehre sein sollten. Entsprechende Inhalte sind bereits vielfach Bestandteil der Curricula in Gesundheitspsychologie. Die (Prä)‌registrierung von Studien im Rahmen von Abschlussarbeiten werden unterstützt und schon an vielen Standorten gefordert. Weitere konkrete Empfehlungen zur Vermittlung von offenen und transparenten Forschungspraktiken werden im Positionspapier von Kwasnicka et al. (2020) genannt.

Weiterhin sollte es aus unserer Sicht selbstverständlich sein, dass etablierte gesundheitspsychologische Lehrinhalte kritisch hinterfragt und stets durch neue Forschungsergebnisse ergänzt werden. Um die Relevanz von guter wissenschaftlicher Praxis, Replizierbarkeit und Open Science zu veranschaulichen, kann in der gesundheitspsychologischen Lehre weiterhin explizit auf Beispiele eingegangen werden, wo Befunde nicht repliziert werden konnten (z. B. im Bereich des Ego Depletion Effekts, Hagger et al., 2016; Vohs et al., 2021) oder einer rigorosen und systematischen Re-Analyse unterzogen wurden (z. B. im Bereich von Interventionsstudien zu Mediterraner Ernährung und kardiovaskulärer Gesundheit; vgl. Martinez-Gonzalez et al., 2019).

Auch eignen sich unserer Meinung nach empirische Projekte im Rahmen gesundheitspsychologischer Curricula, um im Studium den Unterschied zwischen explorativen und konfirmatorischen Ansätzen zu verdeutlichen. Ebenfalls können praktische Einblicke in offene, transparente Forschungspraktiken gegeben werden. Hier bieten sich beispielweise Poweranalysen und die Präregistrierung im Vorfeld von empirischen Seminar- und Abschlussarbeiten an. Je nach Qualifizierungsstufe der Studierenden und zeitlichem Umfang der Lehrveranstaltung kann dabei auf unterschiedlich umfangreiche Templates zurückgegriffen werden (z. B. über aspredicted.org, Open Science Framework). Dies bindet die Studierenden nicht nur in die immer prominenter werdenden Replikationsbemühungen mit ein, sondern signalisiert gleichzeitig die zentrale Bedeutung einer umfangreichen und transparenten Dokumentation der Studienplanung und -durchführung sowie des analytischen Ansatzes. Schließlich kann bereits in Seminar- und Abschlussarbeiten die Aufbereitung von Materialien und Daten für das Bereitstellen in Repositorien eingeübt werden, indem z. B. die Abgabe eines Codebuchs und des kommentierten Auswertungsskripts durch die Betreuenden eingefordert wird.

Ergänzend zu den von Brachem et al. (2022) untersuchten Aspekten der fragwürdigen Forschungspraktiken möchten wir die Vermittlung weiterer Open Science Aspekte in der Lehre anregen. Beispielsweise kann Open Peer Review thematisiert und in Seminaren durch gegenseitiges Feedback eingeübt werden. Schließlich gehört auch die transparente und verständliche Kommunikation von Forschungsergebnissen zu den zentralen Fähigkeiten von Gesundheitspsychologinnen und -psychologen, nicht zuletzt aufgrund der besonderen gesamtgesellschaftlichen Relevanz gesundheitspsychologischer Inhalte und Themen, wie zum Beispiel Ernährung, Bewegung und – derzeit von besonderer Aktualität – Impfverhalten. Deswegen sollten unserer Meinung nach auch Aspekte der Wissenschaftskommunikation in der Lehre vermittelt werden, z. B. durch gezielte Einbindung alternativer (Prüfungs)‌formate, wie z. B. Blogbeiträge oder öffentliche (Poster)‌präsentationen.

Literatur

  • Brachem, J., Frank, M., Kvetnaya, T., Schramm, L. F. F. & Volz, L. (2022). Replikationskrise, p-hacking und Open Science. Eine Umfrage zu fragwürdigen Forschungspraktiken in studentischen Projekten und Impulse für die Lehre. Psychologische Rundschau, 73, 1 – 17. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000562 First citation in articleGoogle Scholar

  • Hagger, M. S., Chatzisarantis, N. L., Alberts, H., Anggono, C. O., Batailler, C., Birt, A. R. et al. (2016). A multilab preregistered replication of the ego-depletion effect. Perspectives on Psychological Science, 11, 546 – 573. https://doi.org/10.1177/1745691616652873 First citation in articleCrossrefGoogle Scholar

  • Guyatt, G., Oxman, A. D., Akl, E. A., Kunz, R., Vist, G. & Brozek, J. (2011). GRADE guidelines: introduction-GRADE evidence profiles and summary of findings tables. Journal of Clinical Epidemiology, 64, 383 – 394. First citation in articleCrossrefGoogle Scholar

  • Kwasnicka, D., Ten Hoor, G. A., van Dongen, A., Gruszczyńska, E., Hagger, M. S., Hamilton, K. et al. (2020). Promoting scientific integrity through open science in health psychology: results of the Synergy Expert Meeting of the European health psychology society. Health Psychology Review, 1 – 17. https://doi.org/10.1080/17437199.2020.1844037 First citation in articleGoogle Scholar

  • Martinez-Gonzalez, M.A., Gea, A. & Ruiz-Canela, M. (2019). The Mediterranean Diet and cardiovascular health. Circulation Research, 124, 779 – 798. https://doi.org/10.1161/circresaha.118.313348 First citation in articleCrossrefGoogle Scholar

  • Vohs, K., Schmeichel, B., Lohmann, S., Gronau, Q. F., Finley, A. J., Others, M. et al. (2021, February 4). A Multi-Site Preregistered Paradigmatic Test of the Ego Depletion Effect. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/e497p First citation in articleCrossrefGoogle Scholar